Ich habe die Woche vor Ostern von Terminen freihalten können und will los. Über Ostern selber möchte ich lieber daheim sein, als mich durchs Gewühl zu drängen. Und vor Ostern mit dem Rad in die Bahn möchte ich auch nicht wirklich. Also schaue ich mal in meine Liste, wo in der Nähe ich noch mal hin wollte. Aha, Mühlhausen (Thüringen)!
Wie komme ich da hin, zumal ich die Gegend und die attraktivsten Strecken schon kenne? Die Wettervorhersage sagt "sonnig, leichter Wind". Ich lege mir eine Route fest, mit Übernachtungen in Querfurt, Stolberg und Mühlhausen, und buche schon mal Hotels. In der Sekunde, in der die Stornierungsoptionen für die Hotels abgelaufen sind, ändert sich die Wettervorhersage in "Gegenwind bis 45km/h bei Regen und Temperaturen zwischen 0-8 Grad". Das kann ja lustig werden. Warum habe ich gegen meine Prinzipien verstoßen, niemals Hotelzimmer vorzubuchen? :-)
Meine tatsächliche Reiseroute ist hier dargestellt. Die gelben Punkte zeigen meine
Übernachtungsorte an.
Plan: Sonntag gemütlich aufstehen, frühstücken, um 10 losfahren, Mittagessen in der Sonne in Merseburg und dann nach Querfurt.
Ich will abschließen und los, da zerbröselt mir das Schloss am Tor! Das
fängt ja gut an. In Fahrradklamotten tausche ich den Schließzylinder und kümmere mich darum, dass Nachbar
und Katzensitterin den neuen Schlüssel bekommen. Mit einer Stunde Verspätung wegen "Technischer Störung"
starte ich und komme mir vor wie die Deutsche Bahn ;-)
Da mein Zeitplan dahin ist, lande ich zum Mittagessen in der Domholzschänke.
Unter dem letzten Betreiber wars, ähm, ok. Der neue hat deutsche und griechische Küche, und ist zu meiner
Überraschung richtig super! Der Sauerbraten mit Klößen war perfekt. Der Dessert-Teller stammt noch vom
Vorgänger und sieht unter einem sehr leckeren Baklava ein bisschen deplatziert aus :-D
Mittagessen erledigt, also keine Eile mehr. Darum mache ich in Merseburg einen
Umweg zum ehemaligen Technikmuseum. Da wollte ich schon immer mal über den Zaun linsen, hatte aber noch keine Zeit
dafür. Das ist die Iljuschin "Brandenburg" der Interflug ;-)
Dieser kräftige Gegenwind ist schon lästig. 45km/h genau von vorn. Aber
wenigstens kein Regen!
Der Geiseltalsee ist immer schön! Und bei dem Wetter bin ich hier fast
alleine.
Wenn ich schon mal hier bin, muss ich natürlich noch zum Aussichtspunkt oben
auf der Halde beim Weingut hinauf :-)
Es pustet hier ganz ordentlich. So richtig direkt nach Frühling sieht es noch
nicht aus. Der Winter war auch recht lang und kalt. Aber mit der abwechslungsreichen Strecke bin ich heute sehr
zufrieden.
Die jungsteinzeitliche Dolmengöttin aus dem Steinkammergrab bei
Langeneichstädt ist zwar nur eine Nachbildung (das Original steht in Halle im Museum), aber die
Möchtegernschamanen hält das nicht ab. Da liegen auch Mistelzweige und sonstiger Kram ;-)
Unebenes Kopfsteinpflaster ist eine tolle Ergänzung zum Wind, aber es sind
auch nur noch 10km :-D
Querfurt erreicht! Die Burganlage ist riesig und eignet sich prima für einen
Verdauungsspaziergang ;-)
84km und 400 Höhenmeter, 8 Grad, bewölkt, kräftiger Gegenwind.
Mein Plan war eigentlich, über Eisleben und Wippra zu fahren und dann den Dankenröder Höhenweg Richtung Josephskreuz zu nehmen, den ich noch nicht kenne. Aber die Wettervorhersage ist verheerend. Also starte ich zwecks Abkürzung Richtung Sangerhausen ;-)
Kräftiger 45km/h-Gegenwind noch da, Kopfsteinpflaster noch schlechter, dazu
Regen. Situation im Vergleich zu gestern nicht besser :-D
Zum Glück hört der Regen auch immer mal wieder auf. Der Ausblick ins
Sangerhäuser Revier ist toll! Hinten links der Kyffhäuser, Mitte recht die Schachthalde Nienstädt,
unmittelbar dahinter Sangerhausen, am Horizont der Südharz :-)
In Sangerhausen zeige ich in der Touristeninformation am Rosarium mein
Stempelheftchen von der "Harzer Wandernadel" und bekomme meine Wandernadel in Gold. Da ich von Leipzig aus zu den
Stempelstellen radle und jedes Wetter mitnehme, ist das erkämpft ;-)
Die Touri-Info empfiehlt mir die "Klemme" in Sangerhausen. Das ist eine ehemalige
Bergarbeiterkneipe mit toller Hausmannskost! Ich entscheide mich für die tolle Kohlroulade, weil ich so etwas schon
lange nicht mehr zu essen bekam :-)
Oh, Hagel. Das hatte ich heute noch nicht. Die Regenjacke habe ich sowieso den
ganzen Tag an, um nicht durch den kalten Wind auszukühlen, nur in die Regenhose steige ich heute ständig rein und
raus ;-)
Hier war ich schon mal! Die Alpträume habe ich immernoch ;-)
So richtiges Aprilwetter! Aber wenn ich schon in der Gegend bin, muss ich auch zum
Josephskreuz rauf, egal was das Wetter sagt. Im Wald wird dann wenigstens der Gegenwind nachlassen ;-)
Schick! Ich habe nachgezählt: Seit 2019 bin ich jetzt das 4. Mal hier oben.
Auf dem Kyffhäuser war ich bisher nur 2 mal.
Hinter dieser Regenwolke müsste der Brocken stecken. Ich schaue mal in die
Webcam vom Brockenbahnhof und sehe Schnee. Ich hatte ja überlegt, ob ich da mal rauf sollte, aber so...
Ich erreiche mein Tagesziel Stolberg (Harz) unter der Burg, unmittelbar bevor die
nächste Regenwolke durchzieht. Stollberg ist ein Kleinstädtchen, das nur aus toll sanierten Fachwerkhäusern
besteht. Auch hier war ich schon ein paar Mal. Es gefällt mir hier richtig gut!
Highlight des Abends: Ein Cordon Bleu, gefüllt mit einem schön reifen
Harzer Käse! Bekommt man nur im Harz :-D
77km und 1200 Höhenmeter, 4 Grad, Regen, Hagel und Wolken, kräftiger Gegenwind.
Heute Abend möchte ich in Mühlhausen Thüringer Klöße
essen. Der Wind ist noch da, es sind nur 2 Grad, aber der Regen ist weg :-)
Gute Gelegenheit, um einen Abstecher zur Ebersburg zu machen und noch einen
weiteren Stempel für die Harzer Wandernadel zu holen.
Endlich sehe ich mal ein paar Blüten! Der Winter war ziemlich lang, es ist
auch kurz vor Ostern noch recht wenig vom Frühling zu sehen.
Da unten liegt Nordhausen. Sieht von außen schöner aus als von innen,
oder hab ich die schönen Stellen noch nicht entdeckt? ;-)
Wegen einer Brückenbaustelle (die B243 wird autobahnähnlich ausgebaut)
und sehr starkem LKW-Verkehr auf der benachbarten B243 bleibt mir nur die ausnehmend sumpfige ehemalige
Eisenbahntrasse...
Bleicherode hat tolle Industriearchitektur! Leider ist auf dem Gelände selber
fotografieren verboten.
Wäre ja sehr schön hier, wenn der kalte Gegenwind auf den großen
Freiflächen nicht wäre ;-)
Nach einem letzten Höhenzug komme ich ins Unstrut-Tal bei Duderstadt. Dem
Unstrut-Radweg brauche ich jetzt nur noch 25km bis Mühlhausen folgen - endlich mit Rückenwind :-)
Mühlhausen mit der großen Stadtmauer gefällt mir. Meine Unterkunft
ist das Brauhaus! Ich werde etwas verblüfft empfangen: "Wir haben noch nicht mit Radfahrern gerechnet, aber Sie finden
bestimmt einen Platz für Ihr Rad im Schuppen" ;-)
Ziel erreicht: Thüringer Klöße in Thüringen! Das Brauhaus
gefällt mir sehr, hier kehre ich wieder ein! Jedenfalls wenn ich einen interessanteren Weg hierher finde als eine
gegenwindverseuchte Flachstrecke.
Mein kulinarisches Highlight: Ein süßer Kartoffelkloß mit
Schoko-Füllung und Vanillesauce! Das Brauhaus sieht mich wieder ;-)
109km und 1200 Höhenmeter, 6 Grad, wolkig und kräftiger Gegenwind.
Ich habe heute Abend eine Verabredung in Weimar. Meine Strecke soll bis unterhalb von Sömerda der Unstrut folgen und dann in einem Bogen Erfurt vermeiden, damit ich nicht durch die Stadt muss.
In der Nacht hat der Wind gedreht: Leichter Ostwind, also wieder Gegenwind. Zum
Glück nicht mehr kräftig. Hinter Mühlhausen ist das Unstrut-Tal sterbenslangweilig. Die Unstrut ist wie ein
Kanal begradigt, und die Äcker reißen mich auch nicht vom Hocker.
Bad Langensalza gefällt mir unterwarteterweise sehr. Heute ist Markttag,
Kurpark und Kurvillen sind hübsch, und die ganze Stadt wirkt sehr lebendig. Hier könnte ich auch mal eine
Übernachtung einlegen - sofern ich einen attraktieren Weg hierher finde ;-)
Hinter Bad Langensalza ist der Unstrut-Radweg im Naturschutzgebiet auch deutlich
hübscher! Ich lese etwas von wilden Orchideen im Frühling an den Hängen, aber der Frühling hat dieses
Jahr ja leider etwas Verspätung.
Pünktlich zu Mittag taucht in Herbsleben ein Grieche am Wegesrand auf. Und er
kann was :-)
Haßleben? Im Stadtwappen ein Löwe, der von einem Flammenschwert zerteilt
wurde? Gruselig ;-)
Das Haßlebener Ried bietet wieder ein bisschen Abwechslung vom
Agrar-Einerlei.
Vor Sömmerda versuchen Biber, die Unstrut zu renaturieren. Der Mensch hat aber
offenbar etwas dagegen, und beräumt alles wieder?
Richtung Weimar gehts dann über Teile des Laura-Radwegs weiter. Ich bin von
meiner Routenwahl gelangweilt, seit ich gestern Morgem aus dem Harz herausgefahren bin. Zu viel freier Acker und zu wenig
Abwechslung, und die überwiegend begradigte Unstrut wirkt auch trostlos.
Bin ganz froh, dass ich Weimar erreicht habe. Die Stadt gefällt mir richtig
gut! Das hier sind Goethe und Schiller.
Im Bären in Weimar hat man Forellentartar! Und die Klöße sind noch
ein bisschen besser als die in Mühlhausen ;-)
117km und 750 Höhenmeter, 6 Grad, bewölkt, kaum Wind.
Heute möchte ich heim. Aus den -2 Grad sollen bald +6 werden. Und es hat Sonne und leichter Rückenwind! :-D
Der direkteste Weg heim ist Ilm-Radweg, Saale-Radweg, dann bei Weißenfels in
Richtung Bahntrassenradweg zwischen Lützen und Markranstädt abbiegen. Der Ilm-Radweg ist klasse, wenn nichts los
ist! Ich bin den auch erst einmal gefahren.
Ich kann mir den Dialog richtig vorstellen: "Chef, hinter dem Baum sieht man das
Schild nicht!" -- "Mist, das ist schon einbetoniert. Aber ich habe eine Idee!" ;-)
Bei Bad Sulza komme ich an das Thüringer Weintor, hinten rechts das
Gradierwerk Louise. Das Tor funktioniert: Ich bekomme Lust auf Wein...
Rudelsburg und Burg Saaleck grüßen: Ich bin jetzt nicht mehr an der Ilm,
sondern an der Saale unterwegs.
Pünktlich zum Mittagessen bin ich in Naumburg! Appetit da, Lust auf einen Wein
ebenso.
Ich wollte schon immer mal in den Ratskeller, weil der eine kreative Küche
hat. Meine Vorspeise, Gurkenröllchen mit Lachs und Pumpernickel-Crumble. Was da so aussieht wie ein Spiegelei ist ein
Mango-Dip. Hat sich definitiv gelohnt, hier einzufallen :-D
Auch an der Saale machen sich Biber breit. Scheint eine neue Entwicklung zu sein --
ich komme hier alle ein, zwei Jahre mal hier durch.
Burg Schönburg kurz vor Weißenfels. Der Saale-Radweg ist viel
abwechslungsreicher als der Ilm-Radweg hinter Mühlhausen. Meine Stimmung ist bei dem guten Wetter und nach dem tollen
Mittagessen sowieso hervorragend :-)
Letzter Stop hinter Lützen: Das Nietzsche-Denkmal. Herr Nieztsche, zweimal
nackt und einmal von seiner Mama untergehakt ;-)
Hafen Zöbigker. Jetzt bin ich fast daheim. Noch einen 10km-Umweg an den
Störmthaler See, damit ich auch wirklich über 500km komme ;-)
127km und 600 Höhenmeter, 8 Grad, sonnig.
Insgesamt war ich 514 km und 4150 Höhenmeter unterwegs. Das war eindeutig eine meiner härteren Touren. Von den 5 Tagen hatte ich 3 Tage kalten, kräftigen Gegenwind und immer mal wieder Regen oder Hagel. Wirklich schön war nur der letzte Tag. Meine Routenwahl war etwas unglücklich: Die einzige unbekannte Strecke war der Abschnitt von Nordhausen über Mühlhausen bis Weimar, und der war aufgrund der überwiegend flachen Agrarlandschaft und der begradigten Unstrut arg langweilig. Drei oder vier Naturschutzgebiete und 3 hübsche Städtchen auf 175km sind mir zu wenig. Auch wenn es eine bekannte Strecke war: Querfurt, Stolberg, Josephskreuz, Ilm- und Saaleradweg gefallen mir immer. Mühlhausen und Weimar habe ich das erste Mal gesehen und würde hier wieder einfallen. Bad Langensalza kommt auf meine Liste ;-)