3 Tage Erzgebirge

Meine Sommerradreise ist dieses Jahr leider aus Gründen ausgefallen. Bevor der Herbst kommt, möchte ich zumindest drei Tage raus. Bei so wenig Zeit suche ich nach Start- und Zielpunkten, die sich mit der Bahn ohne Umsteigen in einer guten Stunde erreichen lassen. Außerdem wäre Gebirge nett. Ich suche mir das thüringische Neustadt an der Orla als Startpunkt aus, weil mir das Hotel (insbesondere auch das Essen) dort das letzte Mal sehr gut gefallen hat. Von dort aus will ich mich übers Erzgebirge bis Karlovy Vary durchschlagen, und ab nach Chemnitz oder Dresden mit der Bahn heim. Plan fertig :-)

Meine Reiseroute ist hier dargestellt. Die gelben Punkte zeigen meine Übernachtungsorte an.

Dienstag: Mit dem Zug nach Neustadt an der Orla

Leider muss ich in den Feierabendverkehr. Der Zug ist entsprechend voll. In Triptis verlässt mich die Geduld, und ich fahre die letzten Kilometer bis Neustadt an der Orla. Das Wetter hält, bis ich im Hotel bin.

Die Hotelküche ist immernoch spektakulär gut. Pfifferlingssuppe, Rumpsteak mit Pfifferlingen und Carpaccio (auf dem Bild) sind phantastisch! Wenn das so weiter geht, wird das wieder eine Tour, auf der ich nicht abnehme ;-)

Nach dem Abendessen noch ein Verdauungsspaziergang. Neustadt ist eine hübsche kleine Stadt mit einem lustigen zweigeteilten Rathaus, mittelalterlichen Fleischbänken auf dem Markt und vielen alten Gebäuden.

Mittwoch: Neustadt - Greiz - Klingenthal

Wenn ich heute bis Karlovy Vary durchrauschen würde, hätte ich 130km Landstraße. Danach ist mir heute nicht. Lieber suche ich mir eine Unterkunft in Klingenthal, bummle hier und da, und nehme Sehenswürdigkeiten mit.

Los gehts! Letzter Blick zurück ins Orla-Tal. Wetter passt.

Mein erstes Ziel sind die Himmelsteiche von Plothen. Im 11. Jahrhundert haben Mönche festgestellt, dass der Schieferboden wasserundurchlässig ist, sodass man nur ein Loch buddeln und auf Regen warten muss, um einen Karpfenteich zu bekommen. Und haben dies ungefähr 600 mal gemacht. Die Landschaft erinnert mich ganz entfernt an den Spreewald, nur sinds hier Teiche anstelle von Fließen.

Weiter gehts nun erst mal über Zeulenroda Richtung Göltzschtal. Schöne Gegend zum radeln, Wetter passt.

Mittag bin ich in Greiz. Die Stadt war mir bisher kein Begriff. Dabei ist Greiz lange Zeit die Residenz der Vögte vom Vogtland gewesen, hat darum sogar zwei große Schlösser, einen Stadtkern mit vielen Gründerzeit-Bauten und Schuhgeschäften. Aber kaum Einkehren -- ich finde trotzdem ein Mittagessen ;-)

Mein nächstes Ziel ist die Gölzschtalbrücke, immerhin die größte Ziegelsteinbrücke der Welt. Hier wollte ich schon sehr lange mal her. Weil ich die vielbefahrene Straße im Tal vermeiden will, suche ich mir einen Weg über die Dörfer. Ich sehe die Brücke also zuerst von oben. Beeindruckend!

Wenn man darunter durch fährt, sieht man erst so richtig, wie gewaltig das Bauwerk ist. Alle Achtung den Baumeistern.

Der Weg zieht sich, und es nieselt. "Und glaubst du schon, es geht nicht mehr, kommt irgenwann ein Bier daher" -- in Gestalt des Biergartens auf der Insel vom ehem. Wasserschloss Rodewisch ;-)

Ich fahre weiter die Gölzsch aufwärts, ab Falkenstein entlang der Weißen Gölzsch bis fast zur Quelle. Ab Hammerbrücke nehme ich dann die Straße zu meinem Hotel bei Klingenthal.

Mit dem Abendessen habe ich wieder Glück! Das Roastbeef mit Pfifferlingen und selbstgemachten Spätzle ist ausgezeichnet. Dazu noch ein Schnitzel als dritten Gang zum sattwerden... Der Wirt setzt auch seinen Blutwurz-Likör selber an :-)

120km und 1650 Höhenmeter, Maximalhöhe 776m, 18 Grad, überwiegend schön, gelegentlich Nieselregen.

Donnerstag: Klingenthal - Karlovy Vary - Oberwiesenthal

Heute steht Karlovy Vary bzw. Karlsbad auf dem Programm! Ich habe die Wahl zwischen flachem Eger-Radweg und einer Strecke über die Bergdörfer. Ich muss nicht lange überlegen ;-)

Ich habe keine Ahnung, was das ist. Sieht aus wie eine Mischung aus Fabrik und Burg. Vielleicht eine Eisenhütte? Hinweistafeln sind nur tschechisch.

Das erste, was man von Karlsbad zu sehen bekommt, ist das Jan Becher-Museum am Becher-Platz mit dem Becherovka-Museum :-)

Da ein Starkregen anrückt, suche ich mir rasch eine Einkehr. Allein für diese Knoblauchsuppe hat sich Karlsbad schon gelohnt! Überraschend ist das Preisniveau auch mitten in der Innenstadt in Ordnung. Ich bezahle umgerechnet etwa 30 EUR für ein 2-Gänge-Mittagessen mit Bier und Becherovka ;-)

Nachdem der Regen aufgehört hat, sehe ich mir noch ein bisschen die Altstadt mit den Kolonaden und Kurhotels an. Karlsbad ist der Hammer! Gefällt mir sehr gut -- hier möchte ich mal ein paar Tage Zeit verbringen und über die Ausssichtstürme auf den Hügeln wandern.

Zumindest zwei Aussichtspunkte müssen es aber heute noch sein, die Petershöhe und der Diana-Turm. Zum Glück ist der Turm wasserdicht -- der nächste Starkregen geht nieder, hört aber bald wieder auf.

Gegen Nachmittag mache ich mich auf den Weg. Ich habe mich entschieden, in Oberwiesenthal zu übernachten. Den Fichtelberg kann ich schon kurz hinter Karlovy Vary immer mal wieder sehen.

In Jachymov komme ich am Radium Palace vorbei, dem 1912 eröffneten, allerersten Radium-Kurhotel der Welt. Wenn es nicht noch früh am Tage wäre... irgendwann übernachte ich hier mal aus reiner Neugierde ;-)

Was mich heute eher antreibt, ist diese wunderschöne MTB-Piste auf den Klínovec, zu deutsch: Keilberg.

Der Keilberg ist mit 1.244m der höchste Berg des Erzgebirges, 30m höher als der Fichtelberg. Leider regnet es mal wieder kräftig, als ich oben bin: Keine Aussicht in Sicht. Ich bin durchaus nicht der einzige Radfahrer, der hier bei Regen herauffährt.

Dafür brauche ich nur die Bremse loslassen und bin nach einer flotten, 10 Grad kalten Abfahrt über die Landstraße kaum 20 Minuten später in Oberwiesenthal in meiner Unterkunft.

Die Grenze nach Tschechien ist nur einen Steinwurf entfernt. Das Karel IV hat eine außerordentlich leckere, authentische tschechischer Küche. Böhmische Livanzen mit Pflaumenmus kannte ich noch nicht -- ein tolles Dessert, wo bekomme ich das wieder? :-)

99km und 1892 Höhenmeter, Maximalhöhe 1249m, 14 Grad, wechselhaft mit kräftigen Regenschauern.

Freitag: Oberwiesenthal - Chemnitz

Ich wache bei Nieselregen auf, obwohl die Wetter-App sagt: trocken. Nieselregen? Nee, ich stecke in einer Wolke. Oberwiesenthal liegt auf 900m Höhe. Wolke hin oder her, ich kann der Versuchung nicht wiederstehen, als erstes auf den Fichtelberg zu fahren ;-)

Weil man die Hand vor Augen nicht sieht, möchte ich die Bundesstraße vermeiden. Stattdessen entdecke ich die perfekt eben asphaltierte Rennrodelstrecke! Da ist zwar auch im Sommer Trainingsbetrieb mit Schlitten, die Rollen unter den Kufen haben. Der Streckenposten sagt aber per Funkgerät Bescheid, dass man mal Pause machen soll, bis ich oben bin. Fernsicht auf dem Fichtelberg so um die 30m ;-)

Als Abfahrt wähle ich die MTB-Piste. Die hat streckenweise halbmetertiefe Auswaschungsrinnen. Ich bin trotzdem in einer halben Stunde unterhalb meiner Wolke, und sehe wieder etwas.

Nach einer längeren Abfahrt stehe ich plötzlich vor dem Ortsschild "Crottendorf". Crottendorf? Das kommt mir bekannt vor? Ja richtig, Räucherkerzen! Nach kurzem herumstöbern finde ich den Werksverkauf der Räucherkerzenfabrik, und decke mich ein. Auf die Sorte "Opium" verzichte ich lieber ;-)

Mein nächstes Ziel ist der Scheibenberg, einer von drei Tafelbergen im Erzgebirge, bekannt für seine 30m hohen "Orgelpfeifen". Das sind sechseckige Basaltsäulen, die entstehen, wenn Lava aufsteigt, langsam von oben nach unten abkühlt und dabei entlang der Kristallstruktur reißt. Interessant!

Ebenso interessant ist der Aussichtsturm und vor allem die Einkehr auf dem Scheibenberg, die ich pünktlich zu Mittag erreiche :-)

Eine letzte Attraktion habe ich noch auf meiner Liste: Die Greifensteine bei Ehrenfriedersdorf. Auch die Greifensteine sind vulkanisch. Hier ist die Lava in der Tiefe erstarrt, bevor sie die Erdoberfläche erreichen konnte. Nachdem das umgebende Material weggewittert ist, blieben eine Art Klekselburgen übrig.

Eine Aussichtsplattform führt auf den höchsten der Steintürme, die halbkreisförmig angeordnet auch als Naturbühne benutzt werden. Krasser Anblick!

Es wird langsam Nachmittag, und der Himmel sieht verdächtig aus. Ich beschließe, jetzt ohne weiteren Verzug Chemnitz anzusteuern. Man sieht man schon das weiße Schloss Augustusburg mit seinen Türmen ganz klein ungefähr in Bildmitte, wenn man genau schaut.

Meine Route führt auf verschlungenen Pfaden durchs Wilisch-Tal, über einen kleinen Hügel ins Zwönitz-Tal, und dann durch Einsiedel. Hier finde ich auf die Schnelle keinen geöffneten Ausschank, außerdem sitzt mir eine Regenwolke im Nacken. Nach einem Platten (spitzer Kieselstein) komme ich gerade am Chemnitzer Hbf an, als der Regen loslegt. Die Rückfahrt mit der Bahn ist dann wieder problemlos. Ich bin gerade noch rechtzeitig daheim, um die Katze vor dem Hungertod zu retten (sagt sie) ;-)

87km und 1200 Höhenmeter, Maximalhöhe 1221m, 12 Grad, trüb mit Regen am Abend.

Abschluss

Insgesamt war ich 330km und 4800 Höhenmeter unterwegs. Zwar waren es nur drei Tage, aber ich habe überraschend viel gesehen, und auch viel Abwechslung gehabt. Das hat mich überrascht -- ich hatte bei Erzgebirge eher mit nicht viel mehr als Wald links, Wald rechts, alle Stunde mal ein Dorf gerechnet. Möglicherweise lag das aber auch an meiner wenig geplanten Route, die sich nicht an Radwegen oder Flüssen orientiert hat, sondern an interessanten Punkten und den Bedürfnissen meines Magens. Mein eindeutiges Highlight war Karlsbad. Da gibt es noch viel zu sehen und auch zu erwandern, dass ich dort gern mal zwei, drei Tage verbringen würde. Viele Erzgebirgsstädtchen waren eher unspektakulär -- für eine Städtetour bietet sich das nicht an, von Greiz mal abgesehen. Man findet aber eine Menge guter Einkehren mit leckeren regionalen Speisen. Verhungert bin ich nicht ;-)